Das Drachenauge

Die dunklen Straßen von Esplân waren leer. Nur einige streundende Katzen schlichen auf Samtpfoten über die glatten Pflastersteine. Ein Schatten löste sich aus einer schwarzen Ecke huschte ohne Geräusch über die Straße, nur um einen Augenblick später wieder mit einem größeren Schatten zu verschmelzen. Dieses Schauspiel wiederholte sich noch einmal bis der Schatten schließlich in einer kleinen Nebengasse verschwand. Ein Fetzen licht zerriß das Schwarz, welches in der Gasse herrschte und zog sich sogleich wieder zurück.

Das Brennende Faß war keine Schankstube in der Städter, oder gar der Stadtadel verkehrte. Vielmehr war es bekannt dafür, daß man in ganz Esplân kein schlimmeres Loch finden könne, in dem sich mehr Schurken und Halsabschneider verkrochen. Hier wurden keine Fragen gestellt und die Stadtwache hatte zwei gute Gründe das Brennende Faß zu meiden. Zum einen natürlich das Gold welches aus den Kammern der Diebesgilde direkt in die Taschen der Spießträger floß. Und zum Anderen die Erinnerung an die fünf Männer welche vor ein paar Jahren geschickt worden waren um das Haus einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Diese waren auf geheimnisvolle Art und Weise verschwunden und bis zum Heutigen Tag gelang es nicht, dieses Rätsel zu lösen. Wobei auch niemanden verwunderte, daß die Stadtwache die Ermittlungen niemals besonders gründlich geführt hatte.

Ervar sah sich unauffällig nach einem möglichst abgelegenem Platz um. Wer hier zu genau hinsah, konnte schnell in Schwierigkeiten geraten. Davor warnte schon das grobgeschnitze Schild über dem Eingang: “Spießenträger kommt nur herein, sollt uns gar willkommen sein. Seit ihr artich und habt nichts gesehn, dann lassen wir euch wieder gehn. Fragt ihr aber zu verstohlen, dann soll euch der gehörnte holen.” Nach ein paar Schritten ließ er sich in einer besonders schummrigen Ecke nieder. Von hier aus konnte er den ganzen Schankraum überblicken. Zumindest soweit das trübe Licht das zuließ. Viele zwielichte Gestalten waren zu sehen, einige vermummt. Allerdings war das keine Besonderheit im Brennenden Faß.

Einen Moment später stand vor ihm auch schon ein Humpen Bier, den ein stämmiger Mann mit ungepflegtem Bart wortloß vor ihm auf den Tisch gedonnert hatte. Nach einem großen Schluck viel die Anspannung spürbar von Ervar ab. Nach zwei weiteren gönnte er es sich tief durchzuatemn. Es hatte geklappt. Die große mächtige Diebesgilde vor der die ganze Lilienküste zitterte. Er hatte sie geschlagen. Ervar erinnerte sich an das blasse eingefallne Gesicht von Ranân. Als er in die Gilde aufgenommen worden war, hatte sich das Knochengestell ganz nah an ihn herangebeugt und in sein Ohr geflüstert. “Wenn du uns Betrügst, bist du tot bevor du aus dem Stadttor bist.” Ervar mußte grinsen. Das Stadttor von Urlên hatte er vor zwei Nächten passiert. Nicht direkt passiert, eher überwunden. Die Stadtwache gerade mal fünf Schritt unter ihm hatte keine Ahnung. Schon immer war seine Spezialität die Lautlosigkeit gewesen. Und nun war er gut zwei Tagesritte von Urlên entfernt und immernoch quicklebendig. Selbst der lange Arm von Ranân war nicht so lang, daß er selbst bis nach Esplân reicht. Und die Gilde würde Ranân wohl auch nicht zur Hilfe kommen. Nicht wegen eines Nußgroßen Rubins. Für den sicherlich nicht gerade mittellosen Ranân bedeutete dieser Stein ein beträchtliches Vermögen. Für Ervar bedeutete der Stein ein Vermögen, mit dem er für sein restliches Leben lang ausgesorgt hatte. Aber für die Gilde war das nichts weiter als Tand. Kaum den Aufwand wert, jemand zu verfolgen. Geschweige denn nach Esplân, wo die Gilde noch nie einen besonders festen Stand gehabt hatte.

Wieder schlich sich ein Grinsen in Ervars Mundwinkel. Drachenauge hatte das Knochengestell den Rubin genannt. Es war sein liebstes Stück in seiner Sammlung gewesen. Es gab sicherlich noch ein, oder zwei andere Steine, die vielleicht sogar noch etwas mehr wert gewesen wären. Aber Ervar hatte ganz bewußt das Drachenauge an sich genommen. Er stelle sich das Gesicht von Ranân vor, als dieser bemerkte, daß sein geliebtes Drachenauge fort war. Nun fand schließlich doch ein breites Grinsen den Weg auf sein Gesicht. Er hatte gewonnen. Mit einem Zug lehrte er den Bierkrug. Jetzt wurde gefeiert.

Als Ervan schließlich die Schankstube verließ, hatte er fünf weitere Bierkrüge gelehrt und stolperte mit einem Schritt der wenig mit seinem normalerweise lautlosen glich, durch die Gassen. “Soll dich der gehörnte Holen Ranân.” Der Dieb lachte. “Der siebengehörnte und seine ganze Dämonenbrut solln dich holen, Knochengestell. Ich hab dein Drachenauge. Und ich lebe noch.” Ein lautes Lachen schallte durch die schwarze Gasse.

Ervan hatte eine kleine Kreuzung erreicht und zögerte einen Moment. Das Bier stieg ihm zu Kopf. Er versuchte sich den Stadtplan ins Gedächtnis zu rufen. Er schloß die Augen und dachte nach. Jemand war hinter ihm. Natürlich, er hatte nicht aufgepaßt. Der Dieb verfluchte seine eigene Torheit während er sich so schnell er es vermochte umdrehte und zu seiner Klinge griff. Er war zu langsam. Er blickte auf und sah in ein weißes, ausdrucksloses Gesicht, in dem nur zwei pechschwarze Augen standen. Plötzlich war er völlig nüchtern. All seine Sinne waren wieder völlig klar. Er mußte seine Klinge nach oben bringen. Er mußte reagieren. Er mußte.

Der stechende Schmerz in seinem Bauch verrieht ihm, daß er zu langsam gewesen war.

Eine heisere Stimme wurde von der Maske gedämpft. “Ranân hat für einen langsamen Tod bezahlt. Und wir halten uns an unsere Verträge.”

Ein Blitz von Schmerzen leuchtete vor seinen Augen als die Klinge in der Wunde langsam gedreht wurde und ließ die weiße Maske in einem überirdischen Licht aufleuchten.